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Recht
09.04.2019

„Erlaubter“ Diebstahl: Wann eine Kündigung gerechtfertigt ist – und wann nicht

Ist eine Kündigung gerechtfertigt, wenn der Azubi klaut? Eigentlich ja. Aber wenn Sie oder ein Kollege ihn aufgefordert hat, sich zu bedienen – wie sieht die Rechtlage dann aus? Ein aktuelles Urteil sorgt für Orientierung. Einem Mitarbeiter, der stiehlt, kann man nicht mehr vertrauen. Schließlich wollte der sich auf Kosten seines Arbeitgebers bereichern. Auch Auszubildende müssen mit einer fristlosen Kündigung rechnen, wenn sie stehlen – es sei denn, sie haben sich an der Bonbondose, die für Kunden vorbehalten ist, bedient. Das wäre ein geringfügiger Fall, bei dem eine Kündigung natürlich nicht angebracht ist.

Dass aber auch Diebstähle mit einem Schaden von wenigen Euro gerechtfertigt zu einer Kündigung führen können, zeigen Gerichtsurteile aus den letzten Jahren. Allerdings gibt es Grenzen. Das wiederum zeigt ein Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Mecklenburg-Vorpommern (2 Sa 224/17 vom 12.6.2018).

Chef als Anstifter – wirkt das entlastend?

Im verhandelten Fall ging es um eine seit 20 Jahren bei ihrem Arbeitgeber in Beschäftigung stehende Arbeitnehmerin. Aufgrund ihrer langjährigen Mitarbeit lagen die Hürden für eine Kündigung ähnlich hoch wie bei einem Auszubildenden. Ihre Erfahrung schützte diese Arbeitnehmerin allerdings nicht davor, fahrlässig zu handeln.

Das war passiert: Der Teamleiter der Arbeitnehmerin gestattete seinem Team zum Ende der Frühschicht, jeweils eine Packung Käse im Wert von 1,99 € mit nach Hause zu nehmen. Auch sie steckte eine Packung ein. Als die langjährige Mitarbeiterin bemerkte, dass am Werkstor eine Taschenkontrolle stattfand, machte sie kehrt. Daraufhin wurde sie auf ihr merkwürdiges Verhalten angesprochen. Sie gab zunächst an, ihren Schlüssel vergessen zu haben. Anschließend gab sie zu, eine Käsepackung eingesteckt zu haben.

Die Folgen: Der Teamleiter erhielt für seine (nicht befugte) Erlaubnis, sich zu bedienen, eine Abmahnung. Die Mitarbeiterin hingegen bekam die Kündigung. War das rechtens?

Das Gericht entschied mit aller Deutlichkeit

Das LAG Mecklenburg-Vorpommern schlug sich – wie bereits die Vorinstanz – auf die Seite der gekündigten Arbeitnehmerin. Das Urteil war an Deutlichkeit kaum zu überbieten und ließ den Arbeitgeber in keinem guten Licht dastehen. Folgende Aspekte der Urteilsbegründung sind für Sie besonders wichtig:

  1. Der Vorgang war nicht als Diebstahl oder versuchter Diebstahl einzustufen. Schließlich hatte der Teamleiter sein Einverständnis gegeben. Obwohl er dazu gar nicht befugt war, konnte der Diebstahlsvorsatz dadurch ausgeschlossen werden.
  2. Damit kam nur noch fahrlässiger Diebstahl infrage. Der ist aber nicht strafbar.
  3. Geht der Arbeitgeber von einem bewussten (nicht fahrlässigen) Diebstahl aus, dann muss er das belegen – er trägt die Beweislast. Dieser Beweislast ist der Betrieb im vorliegenden Fall nicht nachgekommen.
  4. Die Mitarbeiterin hatte 2 Jahrzehnte beanstandungsfrei gearbeitet. Bei einem Diebstahl dieser Größenordnung hätte sie daher zunächst abgemahnt werden müssen.
  5. Zudem hatte der Teamleiter, der die Erlaubnis zur Mitnahme erteilt hatte, nur eine Abmahnung erhalten. Auch deshalb war die Kündigung der Mitarbeiterin unangemessen.

Das lernen Sie aus dem Urteil

Gerade Auszubildende lassen sich aufgrund ihrer Unerfahrenheit schnell zu einer unvernünftigen Handlung hinreißen. Sie sehen in ihren Kollegen häufig Vorbilder, handeln ähnlich wie diese und lassen sich sagen, was zu tun ist. Damit sind sie besonders gefährdet, etwas bewusst oder fahrlässig falsch zu machen.

Möglicherweise kennen Sie die Situation: Ausschussware liegt herum, die auf dem Schrott landen wird – jeder weiß das. Sie wissen auch, dass Ihr Azubi das Produkt gut gebrauchen kann und dass es andererseits zu teuer für ihn ist. Also ermuntern Sie ihn, das Produkt mitzunehmen. Ähnliches ist mit Büromaterial oder mit Speichermedien denkbar. Fakt ist aber: Wenn die Mitnahme vonseiten des Ausbildungsbetriebs nicht ausdrücklich gestattet ist, dürfen keine Waren und kein Büromaterial zur privaten Nutzung mitgenommen werden. Und Sie als Ausbilder und/oder Vorgesetzter dürfen das auch nicht gestatten.

Mit diesen 3 Hinweisen können Sie solche Konfliktsituationen vermeiden

  1. Klären Sie Ihre Azubis ohne Wenn und Aber darüber auf, was als Diebstahl gewertet wird und welche Konsequenzen er nach sich ziehen kann.
  2. Machen Sie deutlich, wer die Mitnahme von Produkten, Rohstoffen, Büroartikeln usw. erlauben darf. Normalerweise zählen Ausbilder und Kollegen nicht dazu.
  3. Falls Materialien oder Ausschussware bei Ihnen – aus Ihrer Sicht unnötigerweise – weggeworfen werden, wagen Sie doch einen Vorstoß: Warum sollte die Belegschaft – natürlich inklusive Ihrer Azubis – solche Dinge nicht mit nach Hause nehmen dürfen? Sorgen Sie für eine Klärung!
Autor: Martin Glania

 

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