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Ausbildungsqualität
31.07.2018

Reparieren statt Wegwerfen

Früher war es selbstverständlich, dass ein Techniker sämtliche Funktionen eines technischen Systems verstand. Von einem Fehler konnte der Techniker praktisch im „Rückwärtsgang“ bis zur Ursache gelangen. Doch moderne Systeme werden immer komplexer und die Funktionalität entzieht sich mehr und mehr unserer sensorischen Wahrnehmung. Lohnt es sich überhaupt noch, auf Reparaturen zu setzen? Mein Praxisbeispiel zeigt Ihnen: eindeutig ja. Und es lohnt sich noch viel mehr, Azubis auch mal tüfteln zu lassen!

„Reparieren lohnt sich nicht mehr!“ Oder: „Es wird nur noch ausgetauscht und nicht mehr instand gesetzt!“ Das ist in dieser allgemeinen Form fachlich nicht korrekt, denn von jeher wurde bei einer Reparatur auch immer ausgetauscht. Es liegt ausschließlich daran, wo die Grenzen des Systems gezogen werden.

Beispiel: Austausch oder Reparatur?

Fällt bei einem Verbrennungsmotor eine Zündkerze aus, wird diese als Einheit getauscht. In den seltensten Fällen wird wohl die Zündkerze selbst repariert.

Nur die Wirtschaftlichkeit entscheidet

Es ist beeindruckend, wenn ein Techniker auch komplexe Systeme mit oftmals geringem materiellen Aufwand „retten“ kann. Doch oft kostet das sehr viel Zeit. Zeit, in der Ihre Azubis für andere Aufgaben ausfallen. Und Zeit, in der die Produktion eventuell stillsteht. Häufig steht dann der Gegenwert des wieder funktionstüchtigen Objekts in keinem Verhältnis zum aufgebrachten Aufwand. Doch heißt das, dass das Reparieren auf Bauteil- oder Komponentenebene keinen Stellenwert hat? Eine kleine Geschichte aus der Praxis beweist das Gegenteil.

Pfiffiger Auszubildender spart Betrieb mehrere Tausend Euro

Vor einiger Zeit rief mich ein befreundeter Instandhaltungsleiter eines Unternehmens an. Wir hatten vor Kurzem im Rahmen einer Schulung mit seinen Azubis darüber diskutiert, ob es heute noch wichtig ist, die Fertigkeit zu haben und lehren, Fehler zu finden und vor Ort – auch provisorisch – zu reparieren.

An dieser Schulung nahm auch ein Auszubildender im ersten Ausbildungsjahr teil, der danach seine Vorgesetzten nahezu in den Wahnsinn trieb, weil er ständig die Frage stellte: „Lässt sich das nicht doch reparieren?“ Man hatte ihn sogar schon „auf frischer Tat“ ertappt, als er ausgesonderte Bauteile aus dem Entsorgungscontainer fischte, um diese wieder zum Leben zu erwecken.

Dann aber gab es in dem Betrieb eine Störung in der Steuerung einer älteren Maschine, die für die Produktion eine hohe Relevanz hatte. Die Anlage lief kurzzeitig an und fiel dann sofort wieder aus; allerdings nicht regelmäßig, sondern in unterschiedlichen zeitlichen Abständen.

Die schuldige Komponente war recht schnell ausfindig gemacht. Allerdings sorgte die Erkenntnis auch für einen ziemlichen Schock: Es handelte sich um die Signalvorverarbeitung eines Sensormoduls, die erst vor kurzer Zeit getauscht worden war. Zum Zeitpunkt des Austauschs war nur noch eine Platine im Lager vorhanden. Ein Reservemodul war zwar sofort bestellt worden, aber noch nicht eingetroffen. Als der Instandhaltungsleiter und die betroffenen Mitarbeiter noch über Möglichkeiten diskutierten, zog sich der reparaturbesessene Azubi mit der ausgebauten Platine auf seinen Platz in der Werkstatt zurück und begann auf seine Art dem Fehler beizukommen.

 

Mit USB-Mikroskop und Lötkolben zum Erfolg

Er schloss ein USB-Mikroskop an sein Tablet an und schaute sich die Platine genauer an. Dabei stellte er fest, dass ein sehr kleines, aber entscheidendes Bauteil nicht korrekt eingelötet worden war – was tatsächlich vorkommen kann – und so den unregelmäßig auftretenden Fehler verursachte.

Als der Azubi den Fehler sah, heizte er sofort seinen Mikrolötkolben an, denn das Löten von kleinsten Bauteilen war für ihn eine Art Steckenpferd geworden. Er schaffte es, den Kondensator zu verlöten, und brachte das Bauteil zurück zu seinem Chef. Der baute es ein, alles lief wieder und der Azubi war der Held des Tages. Sein Handeln hat dem Unternehmen schätzungsweise 30.000 € gespart!

Mein Fazit für Sie

Lassen Sie Ihre Azubis ruhig tüfteln – auch wenn dabei vermeintlich Arbeitszeit verloren geht. Die Azubis werden in jedem Fall Zusammenhänge besser verstehen. Und das wiederum wirkt sich im Nachhinein auf Arbeitsqualität und -tempo aus.

Mein Tipp: Wenn Azubis mit Reparaturen oder der Fehlersuche befasst sind, helfen ihm Aufzeichnungen, seine Handlungen zu überdenken. Diese Phasen durchbrechen die Hektik und führen oft zu den entscheidenden Erkenntnissen. Besonders hilfreich sind kleine Videoaufzeichnungen mit einem Smartphone. Die Dateien lassen sich auf den Computer überspielen; so entwickeln Ihre Azubis im Laufe der Zeit eine umfangreiche Bibliothek.

 

Autor: Günter Stein

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