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Ausbildungsqualität
05.06.2018

Mit Selbstbewusstsein zu einer positiven Fehlerkultur

Fehler in der Ausbildung kommen vor und müssen erlaubt sein. Da sich der Azubi noch im Lernprozess befindet, gehören sie sogar zum Beschäftigungsverhältnis dazu. Gerade dann, wenn der Azubi etwas nicht korrekt gemacht hat, weil er es gar nicht besser wissen kann, handelt es sich streng genommen nicht um seinen Fehler.

Ein Fehler ist es hingegen, wenn der Ausbilder oder Vorgesetzte nicht souverän mit der Fehlleistung des Auszubildenden umgeht. Insofern ist es Ihre Aufgabe als Ausbildungsverantwortlicher, eine angstfreie Fehlerkultur im Rahmen der Ausbildungsaktivitäten Ihres Unternehmens zu schaffen. Natürlich sollten Fehler minimiert werden – gerade dann, wenn sie einen Schaden nach sich ziehen. Vor allem aber müssen die Chancen, die mit Fehlern zusammenhängen, genutzt werden. Die Lerneffekte – und auf die kommt es in der Ausbildung an – sind nämlich immens.

Schaffen Sie eine angstfreie Fehlerkultur, indem Sie die folgenden 6 Tipps beherzigen:

Tipp 1: Hinterfragen Sie Ihre Fähigkeit, souverän mit Fehlern umzugehen

Stellen Sie sich zunächst einmal die Frage, ob Sie souverän und angemessen mit Fehlern umgehen, die von einem Azubi begangen werden. Die folgende Checkliste gibt Ihnen hierüber Auskunft:

  1. Reagieren Sie ab und zu ungehalten und laut, wenn einem Azubi ein Fehler passiert?
  2. Haben Sie einen Azubi nach einer unvollkommenen Leistung schon einmal so behandelt, als sei er ein ausgelernter Kollege?
  3. Haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, dass bei der Fehleranalyse unnötigerweise die Person und nicht der Fehler im Mittelpunkt stand?
  4. Schmieren Sie dem Azubi seinen Fehler ab und zu später noch mal aufs Brot? Sind Sie nachtragend?
  5. Haben Sie öffentlich Kritik an einem Azubi-Fehler geübt, obwohl das auch unter 4 Augen möglich gewesen wäre?
  6. Bestrafen Sie Azubi-Fehler persönlich – beispielsweise durch Missachtung?
  7. Lassen Sie einen Azubi schon mal mit seinem Fehler allein, möglicherweise weil Sie Wichtigeres zu tun haben?
  8. Haben Sie Azubis aus Bequemlichkeit schon dazu aufgefordert, immer den sicheren Weg zu gehen, damit auf keinen Fall Fehler passieren?
  9. Hat ein Azubi schon einmal einen Fehler gemacht, den Sie im Nachhinein nicht mit ihm besprochen haben?

Wenn Sie einige der Fragen mit Ja beantwortet haben, dann sollten Sie unbedingt an sich arbeiten. Auch dann, wenn Sie beobachten, dass Kollegen jegliche Souveränität im Umgang mit Fehlern vermissen lassen, werden Sie aktiv. Ihr Ziel muss sein, immer das Positive aus Fehlern zu ziehen und so zu verhindern, dass diese sich wiederholen. Daher sollten Sie Ihren Umgang mit den Schwächen von Auszubildenden regelmäßig hinterfragen – beispielsweise einmal im Jahr. Empfehlen Sie das allen, die in Ihrem Unternehmen an Ausbildungsprozessen beteiligt sind.

 

Tipp 2: Nehmen Sie Ihren Azubis bewusst die Angst vor Fehlern

Passiert ein Fehler, der ausgebügelt werden muss, sollten Sie nicht mit Schuldzuweisungen reagieren. Beschränken Sie sich vielmehr darauf, gezielte Fehleranalyse zu betreiben. Nehmen Sie sich dafür zusammen mit dem betroffenen Azubi die nötige Zeit. Erst wenn Sie nachvollziehen können, warum dieser Fehler passiert ist, und auch der Azubi das versteht, haben Sie die Voraussetzung dafür geschaffen, dass der Fehler kein 2. Mal passiert. Das wird dem Auszubildenden Sicherheit geben, um weiter selbstbewusst arbeiten zu können. Weil er genau weiß, woran es gelegen hat, wird er die Angst vor Fehlern wie diesem verlieren.

Beachten Sie: Wichtig ist, dass Sie nicht nachtragend sind. Wenn Sie die Ursachen für einen Fehler gemeinsam gefunden haben, die Folgen ausgemerzt sind und der Azubi seine Sicherheit zurückerlangt hat, dann erinnern Sie ihn nicht mehr an seinen Fehler. Ansonsten wird er annehmen, dass Sie sein Missgeschick ständig im Hinterkopf haben. Dann wird es ihm nicht gelingen, die Angst vor Fehlern zu verlieren.

Tipp 3: Lassen Sie nicht zu, dass Fehler vertuscht werden

Sollte ein Azubi dazu tendieren, eigene Fehler zu vertuschen und unter den Teppich zu kehren, dürfen Sie das nicht zulassen. Machen Sie klar, dass nicht der eigentliche Fehler das Problem ist, sondern der Versuch, diesen zu vertuschen. Wer sich in der Ausbildung so durchschummelt, der wird das Ausbildungsziel nicht erreichen können, weil er nicht an sich arbeitet. Darüber hinaus können Fehlerketten entstehen, wenn das Vertuschen überhandnimmt.

Seien Sie rigoros: Machen Sie deutlich, dass das Fehlervertuschen von Ihrer Seite aus nicht geduldet wird. Seien Sie im Gegenzug dankbar für jeden Fehler, über den Ihnen ein Auszubildender berichtet, und arbeiten Sie gemeinsam daran, dass sich der Fehler nicht wiederholt. Wichtig ist natürlich, dass Sie diese Devise wirklich umsetzen, und dass Sie sich tatsächlich über Fehlerberichte freuen – vor allem dann, wenn sie vom Azubi selbst kommen.

Beachten Sie: Wenn Sie erleben, dass Fehler ständig vertuscht werden, sollten Sie den entsprechenden Unternehmensbereich bzw. diese Mitarbeiter-/Azubi-Gruppe genauer unter die Lupe nehmen. Hier herrscht dann offenbar ein Klima, das Fehler eines Einzelnen nicht verzeiht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Ausbilder und Vorgesetzte geschult werden, damit eine angstfreie Fehlerkultur eine Chance hat.

Tipp 4: Gehen Sie souverän mit Ihren eigenen Fehlern um

Was aber ist mit Ihren eigenen Fehlern? Die können im weiten Feld der Ausbildung auf verschiedenen Ebenen passieren: Das beginnt bei der Beurteilung von Auszubildenden, setzt sich bei der Organisation von Ausbildungsprozessen fort und reicht bis hin zur fehlerhaften oder ungenauen Vermittlung von Ausbildungsinhalten. Das Aufgabenspektrum von Ausbildern ist so umfassend, dass Fehler gar nicht zu vermeiden sind. Dazu kommt, dass viele ihre Ausbildungsarbeit nur nebenbei ausüben, gleichzeitig also Gefahr laufen, in ihrem eigentlichen Fachgebiet etwas falsch zu machen.

Wenn Sie als Ausbilder oder Ausbildungsverantwortlicher selbst Fehler machen, sollten Sie vorbildlich damit umgehen. Im Klartext bedeutet das: Sie sollten zu Ihren Fehlern stehen und zeigen, dass Sie die Ursachen analysieren, damit der Fehler beim nächsten Mal nicht mehr passiert.

Es ist keineswegs so, dass Sie Ihre Autorität verlieren, wenn Sie einen Fehler zugeben. Ein solcher Effekt tritt allenfalls kurzfristig und oberflächlich auf. Mittel- und langfristig gilt das Gegenteil: Wenn Sie zu Ihren Fehlern stehen, werden Ihre Autorität und Ihre Vorbildfunktion an Kontur gewinnen. Zudem präsentieren Sie sich als Mensch, der Fehler macht, und gleichzeitig als Persönlichkeit, die dazu steht. Beides wirkt zu Ihren Gunsten.

Tipp 5: Üben Sie den konstruktiven Umgang mit Fehlern in der Gruppe

Je schwerer ein Fehler ist, desto wichtiger ist es, dass Sie sich mit dem Auszubildenden zunächst einmal unter 4 Augen darüber unterhalten. Geht es allerdings an die Fehleranalyse, dann kann es Sinn machen, Fehler in der Gruppe zu besprechen. Darauf sollten Sie allerdings verzichten, falls Sie durch die Schwere oder die Art des Fehlers Gefahr laufen, den Auszubildenden bloßzustellen. Um das zu beurteilen, legen Sie das Selbstbewusstsein des betroffenen Auszubildenden in die Waagschale. Spricht nichts dagegen, den Fehler in der Gruppe auszuwerten, dann sollten Sie das tun.

Wenn Sie die Azubi-Gruppe, mit der Sie den Fehler eines Einzelnen besprechen, als kritisch betrachten, dann stellen Sie Regeln für die Gesprächsführung auf. Machen Sie Folgendes deutlich:

  1. Niemand macht sich über den Fehler eines Kollegen lustig.
  2. Gesprochen wird über den Fehler – nicht jedoch über die Person, welcher der Fehler passiert ist.
  3. Persönliche Angriffe werden nicht geduldet und durch Sie sanktioniert.

Ihr Umgang mit Schuldzuweisungen

Ist ein Fehler passiert, kann das die Folge haben, dass ein Azubi dem anderen (oder auch einem Kollegen) die Schuld in die Schuhe schiebt. So können negative Emotionen entstehen, und die Zusammenarbeit leidet. Schieben Sie dem unbedingt einen Riegel vor.

Bringen Sie klar zum Ausdruck, dass es nicht wichtig ist, wer einen Fehler begangen hat, sondern wie dieser in Zukunft vermieden wird. Das geht natürlich nicht, wenn die Schuld stets bei anderen gesucht wird.

Ihr Umgang mit Rechtfertigungen

Es bringt auch nichts, dass ein Azubi die Schuld einsieht, sich aber in langen Rechtfertigungen verirrt. Es ist zwar positiv, dass er auf diese Art und Weise Selbstkritik übt – allerdings ist er offenbar bestrebt, seine Schuld zu minimieren, indem er sich rechtfertigt.

Tipp 6: Machen Sie deutlich, dass Ihre Fehlertoleranz Grenzen hat

Insgesamt zeigen Sie sich großzügig im Umgang mit Fehlern der Auszubildenden. Allerdings hat das seine Grenzen, die jedem Azubi klar sein sollten: Wer Fehler ständig wiederholt, der zeigt, dass er sie nicht richtig aufgearbeitet hat bzw. die Aufbereitungsergebnisse ignoriert. Das dürfen Sie nicht durchgehen lassen. Kommt es zu ständigen Wiederholungen, dann lässt Ihr Verständnis nach. Machen Sie das in Gesprächen deutlich.

Darüber hinaus gehen Sie ohne Toleranz mit Fehlern um, wenn diese grob fahrlässig oder sogar absichtlich begangen wurden. Manch ein Jugendlicher hat in der Ausbildung das Bedürfnis, Grenzen auszutesten. Oder er möchte einer anderen Person oder Personengruppe imponieren und „traut sich was“. Wer also bewusst Fehler produziert oder auch anderen eine Falle stellt, damit Fehler entstehen, den sollten Sie sich vorknöpfen.

Beachten Sie: Solches Verhalten kann sogar eine Abmahnung oder Kündigung nach sich ziehen. Das gilt insbesondere, wenn sogar ein Mobbing-Vorwurf im Raum steht, das Verhalten also bewusst und regelmäßig an den Tag gelegt wird, um eine andere Person zu schädigen. Zeigen Sie sich also einerseits als fehlertoleranter Ausbilder. Seien Sie andererseits jedoch konsequent, falls jemand die angstfreie Fehlerkultur, für die Sie stehen, ausnutzt.

Selbstbewusstsein ist nur ein Faktor, um als Ausbilder stark erfolgreich zu sein. Weitere Faktoren finden Sie hier…

Autor: Martin Glania

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