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Motivation
26.02.2019

Persönlichkeitsentwicklung: Wenn Sie neben Ihrer Ausbildertätigkeit auch noch Elternersatz sind

Viele Ihrer noch sehr jungen Auszubildenden entwickeln in ihrem Alter Unsicherheiten. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich in einer schwierigen Lebensphase befinden. Nichts ist mehr, wie es war. Die kindliche Unbefangenheit weicht einem selbstkritischen Blick. Jugendliche fangen an, sich zu reflektieren, und sind dabei manchmal zu streng mit sich. Wenn sie dann auch noch schmerzliche Erfahrungen, vielleicht sogar im Betrieb, machen, kommen oft Selbstzweifel hinzu. Leider werden viele junge Menschen in dieser Lebensphase in ihrem Elternhaus nicht richtig aufgefangen. Dabei können diese Selbstzweifel auch die Ausbildung stark gefährden. Und auch, wenn es eigentlich nicht zu Ihren Aufgaben gehört: Es ist wichtig, dass Sie Ihren Azubis helfen, diese Selbstzweifel zu überwinden.

Was Selbstzweifel von Realismus unterscheidet

Selbstzweifel entstehen, wenn jemand nicht (mehr) sicher ist, bestimmte Ziele erreichen zu können, oder nicht daran glaubt, bestimmte Fähigkeiten zu besitzen: „Das schaffe ich doch nie!“ oder „Dafür bin ich zu dumm!“ sind typische Gedanken und Aussagen von Menschen mit Selbstzweifeln. Natürlich können Menschen nicht alles leisten. Ein untrainierter „Couchpotato“ beispielsweise läge mit seiner Einschätzung „Den 10-km-Lauf morgen schaffe ich vermutlich nicht!“ durchaus richtig. Er leidet nicht unter Selbstzweifeln, sondern er schätzt die Lage einfach realistisch ein. Anders wäre es aber, wenn ein durchtrainierter Marathonläufer denselben Gedanken hätte.

Wer unter Selbstzweifeln leidet, spricht sich selbst also Fähigkeiten ab, die er eigentlich besitzt oder – mit ein bisschen Übung – besitzen könnte.

Wie Selbstzweifel entstehen

  • Erlebt ein Azubi oft, dass er für eine erledigte Aufgabe nicht gelobt, sondern eher kritisiert wird – oder aber gemäß Motto „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ gar nichts gesagt wird –, lernt er, dass seine Leistung nicht gut genug gewesen sein kann. Er gewinnt so nicht die Überzeugung, etwas gut zu können und zu etwas befähigt zu sein, sondern entwickelt Selbstzweifel („Bin ich gut genug?“).
  • Auszubildende, die zu Hause überbehütet wurden (Stichwort Helikoptereltern), konnten oft keine Experimente machen. Sie konnten so nicht erfahren, was sie alles bewirken können. Ein Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten, Kräfte und Möglichkeiten kann sich so kaum entwickeln. Selbstzweifel und Selbstunsicherheit können die Folge sein.
  • Natürlich können sich Azubis auch Selbstzweifel abschauen: Wenn Personen aus ihrem Umfeld sehr an sich selbst zweifeln, kann ein Azubi diese Haltung übernehmen. Er kopiert dann das Verhalten z.B. der Mitarbeiter, die eigentlich Vorbildfunktion haben sollten.
  • Auch wiederholte Frustrationen in der Schule können zu Selbstzweifeln führen.
  • Enttäuschungen – in der Berufsschule, aber auch im Ausbildungsbetrieb – können starke Verunsicherungen mit sich bringen. Haben Sie als Ausbilder unter Umständen mal eine Zeit lang schlechte Laune und lassen diese auch den Auszubildenden spüren, so tauchen oft Zweifel auf wie „Habe ich etwas falsch gemacht?“ oder „Bin ich überhaupt gut?“. Das Selbstbild des Azubis gerät ins Wanken, Selbstzweifel entstehen oder bestehende Selbstunsicherheiten werden verstärkt.

 

3 Tipps: So helfen Sie Ihrem Auszubildenden, seine Selbstzweifel zu überwinden

Selbstzweifel gehören zum Leben dazu, kein Mensch ist völlig frei davon. Die gute Nachricht: Es gibt Möglichkeiten, akute oder chronische Selbstzweifel zu überwinden. Die folgenden Tipps zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Azubi dabei unterstützen können, wieder stärker an sich selbst und seine Fähigkeiten zu glauben.

Tipp 1: Stören Sie das negative Denkmuster Ihres Auszubildenden und fokussieren Sie auf das Positive

Wenn Ihr Auszubildender unter Selbstzweifeln leidet, lässt er sich gerade von negativen Gedanken leiten, beispielsweise „Ich kann nichts“, „Ich bin nichts wert“ oder „Ich schaffe das ja eh nicht!“.

Sie können diese negativen Gedankenmuster Ihres Azubis unterbrechen oder konstruktiv „stören“, indem Sie ihn immer wieder auf das Positive hinweisen.

Beispiel: Ihr Azubi kommt nach einem missglückten Finanzbuchhaltungs-Test in der Berufsschule wieder in den Betrieb und ist enttäuscht. „Ich kann das eben alles nicht!“, jammert er resigniert. Schauen Sie sich in Ruhe die Arbeit an und heben Sie ganz bewusst hervor, was Ihr Auszubildender sehr wohl gewusst hat. Machen Sie Ihrem Azubi also klar, dass er gute Basiskenntnisse hat, auf denen er aufbauen kann. Und machen Sie ihn auch darauf aufmerksam, dass er sich diese Kenntnisse ja auch selbst angeeignet hat; sie sind ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Die darin versteckte Botschaft lautet: „Du bist sehr wohl klug und lernfähig, du hast das nur gerade nicht im Blick!“

Tipp 2: Setzen Sie Vertrauen in Ihren Auszubildenden und seine Fähigkeiten

Selbstzweifel sind Ausdruck eines mangelnden Selbstvertrauens. Daher gilt es, das Vertrauen des Auszubildenden in seine Kräfte zu mobilisieren und zu stärken. Und das geht am besten, indem Sie selbst auf seine Fähigkeiten und Kräfte vertrauen. Lassen Sie sich von seinen Zweifeln nicht anstecken. Sagen Sie ihm immer wieder einmal: „Ich glaube an dich und deine Fähigkeiten. Ich weiß, dass sie da sind. Und irgendwann wirst du sie wiederentdecken.“

Es ist für einen jugendlichen Azubi unglaublich wichtig, zu merken, dass Sie ihm etwas zutrauen! So brennt sich der Satz „Mein Ausbilder traut mir etwas zu und glaubt an mich“ in sein Gehirn ein und wirkt dort still, aber stärkend vor sich hin. In 20 Jahren wird Ihr Azubi dann vielleicht einmal denken: „Danke, dass Herr XY/Frau Z auch an mich geglaubt hat, als ich das selbst nicht so gut konnte!“

Tipp 3: Spielen Sie das Worst-Case-Szenario mit Ihrem Azubi durch

Ängste und Zweifel lösen sich oft auf, wenn man sich einmal vorstellt, was als Schlimmstes passieren könnte. Meistens wird dadurch die fantasierte Gefahr gebannt. Oft merken Azubis dann, dass ihre Sorge nichts anderes ist als der Scheinriese aus „Jim Knopf“: Aus der Ferne wirkt sie riesengroß und bedrohlich, obwohl sie eigentlich eher klein und harmlos ist.

Gehen Sie mit Ihrem Auszubildenden den Worst Case – den allerschlimmsten Fall, der theoretisch eintreten könnte – durch. Fragen Sie am besten einfach immer weiter: „Was dann?“

Beispiel: „Ich würde so gerne die Projekt-Sprecherin für das Azubi-Projekt werden, aber ich traue mich nicht.“ – „Was könnte denn schlimmstenfalls passieren?“ – „Es könnte sein, dass jemand über mich lacht oder ich es nicht hinbekomme.“ – „Und dann?“ – „Dann würde ich mich schrecklich fühlen.“ – „Und dann?“ – „Dann würden wir mit der Projekt-Arbeit weitermachen.“

Achtung! Beenden Sie diesen kleinen Dialog erst, wenn die Situation als nicht mehr bedrohlich beschrieben wird. Mithilfe dieser Methode kann Ihr Auszubildender seine Angst imaginieren, also gedanklich durchleben. Es merkt dann einerseits, wie unangenehm eine solche Situation sein könnte, aber auch, dass man davon nicht wirklich dauerhaft beeinträchtigt wird.

Mein Tipp: Im Anschluss an das Worst-Case-Szenario (oder auch ganz unabhängig davon) könnten Sie auch das bestmögliche Szenario miteinander durchleben, um das Gehirn auf ein positives Denkmuster umzuprogrammieren.

Autor: Günter Stein

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