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Ausbildungsqualität
18.04.2019

„Muss ich eine Krankmeldung per WhatsApp hinnehmen?“

Frage: Die jungen Leute rufen ja nicht mehr an oder schicken Briefe. Es geht alles über WhatsApp und Snapchat. Letztens habe ich von meinem Azubi kommentarlos eine Krankmeldung („Habe Magen-Darm“) über WhatsApp erhalten. Muss ich die akzeptieren?

Antwort: Das müssen Sie nicht, es sei denn, es ist gängige Praxis bei Ihnen.

Krankschreibung per WhatsApp: Pro

Wenn Sie WhatsApp als Kommunikationskanal für Krankschreibungen öffnen wollen müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein bzw. werden:

  1. WhatsApp muss bei Ihnen ein übliches und im Betriebsalltag genutztes Kommunikationsmittel sein.
  2. Der Azubi muss seine Krankmeldung an eine persönliche Adresse, also z. B. an Ihre Mobilnummer, schicken.
  3. Eine Krankmeldung darf nicht in einer WhatsApp-Gruppe abgesetzt werden. Denn auch wenn Sie Mitglied dieser Gruppe sind, kann ein Azubi nicht davon ausgehen, dass Sie als berechtigte Person morgens die Kommentare auf Krankmeldungen durchsehen.

Krankschreibung per WhatsApp: Kontra

Ich rate Ihnen eher davon ab, Ihren Auszubildenden zu gestatten, sich über WhatsApp krankzumelden. Denn die Nutzung von WhatsApp (oder anderen elektronischen Kommunikationsmitteln) zur Übersendung von persönlichen Mitteilungen wie einer Krankmeldung senkt die Hemmschwelle zum Missbrauch, da der persönliche Kontakt fehlt: Stimme, Mimik und Gestik als „Kontrollinstrumente“ fehlen.

Achtung! Anders verhält es sich bei einer vom Arzt ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Schickt Ihr Azubi Ihnen eine solche per WhatsApp, müssen Sie darauf vertrauen können, dass sie den Gesundheitszustand auch richtig wiedergibt. Aber diesen Kommunikationsweg müssen Sie grundsätzlich erst einmal ermöglichen.

Neu hinzu kommen Fernkrankschreibungen

Nach einer Änderung der Musterberufsordnung für Ärzte ist das Fernbehandlungsverbot in einigen Bundesländern (z. B. Schleswig-Holstein oder Bayern) gelockert worden – mit Folgen für das Ausbildungsverhältnis: In einzelnen Bundesländern kann nun auch nach einer Fernbehandlung eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt werden. Dass hierdurch die Gefahr der Fehleinschätzung steigt, ist klar. Eine richterliche Entscheidung zur Frage, wann der Beweiswert einer solchen Bescheinigung erschüttert ist, steht noch aus. Über die Rechtsentwicklung halte ich Sie auf dem Laufenden.

Mein Tipp: Liegt Ihnen von einem Auszubildenden eine Krankschreibung vor, die über eine Ferndiagnose zustande gekommen ist, dann akzeptieren Sie diese zunächst. Weisen Sie den entsprechenden Auszubildenden allerdings darauf hin, dass er sich auf rechtlich dünnem Eis bewegt. Empfehlen Sie all Ihren Azubis daher dringend, sich in Zukunft Krankmeldungen auf der Basis eines Arztbesuches einzuholen, bis die rechtliche Situation geklärt ist.

 

Autor: Martin Glania

 

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