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Motivation
03.09.2018

Mit Reverse Mentoring in 3 Schritten zum hochmotivierten Azubi

Macht Sie das auch nervös? Die Stimmen, die immer lauter werden und behaupten, die zunehmende Digitalisierung würde in den nächsten Jahren 10 % aller Arbeitsplätze vernichten? Doch so pauschal kann man das nicht sehen. Denn die Unternehmen und Abteilungen, die frühzeitig auf den Digitalisierungszug aufspringen, haben beste Chancen, sich Marktanteile jener Unternehmen zu sichern, die genau dies verschlafen. Doch beim Wie und Was herrscht immer noch große Unsicherheit. Dabei sitzt Ihnen als Ausbilder die Quelle oft gegenüber. Mit dem Reverse Mentoring profitieren Sie doppelt: als Ausbilder und als Unternehmensmitarbeiter.

Ob IBM, Deutsche Telekom, Lufthansa oder Continental – viele deutsche Großunternehmen setzen Reverse Mentoring bereits erfolgreich ein. Das heißt, sie tauschen für bestimmte Projekte die klassische Rollenverteilung und setzen darauf: Alt (erfahrene Fachkraft) lernt von Jung (Azubi).

Das Reverse Mentoring macht sich das Prinzip zunutze, dass die nachrückende Generation anders lernt, anders kommuniziert und auch anders konsumiert. Können Sie dieses Wissen in Ihr Unternehmen bringen, haben Sie die größte Hemmschwelle zur Digitalisierung bereits gemeistert.

Wie Sie als Ausbilder und Ihre Azubis vom Reverse Mentoring profitieren

Viele Unternehmen haben zwar den Veränderungsbedarf erkannt, wissen jedoch nicht konkret, wie sie Prozesse ändern müssen, um im schnellen digitalen Wandel bestehen zu können. Doch ohne Anpassung wird es in den wenigsten Unternehmen gehen.

In vielen Fällen fehlt die Entwicklungsdynamik schon deshalb, weil sich Mitarbeiter insbesondere im Bereich der Digitalkompetenz ausschließlich auf ihrer eigenen Hierarchiestufe austauschen. Mit dem Reverse Mentoring haben Sie hier die Möglichkeit, nicht nur Digitalprojekte, sondern auch bei anderen Projekten vom Know-how Ihrer jungen Nachwuchskräfte zu profitieren.

Azubis können so den älteren Mitarbeitern einen authentischen und praxisorientierten Einblick in die oft unübersichtliche Medien- und Technologielandschaft geben. Die Azubi-Mentoren profitieren gleichsam auf verschiedenen Ebenen. So sammeln sie kommunikative und pädagogische Erfahrungen im Training der erfahrenen Kollegen und werden so als Experten für ihr Fachgebiet wertgeschätzt.

Mein Tipp: Mit Reverse Mentoring haben Sie die Möglichkeit, die Motivation der Auszubildenden zu erhöhen – und die Abbruchquote nachhaltig zu senken. Schließlich verbessern Sie so die grundsätzliche Einstellung der Youngster zu Ihrem Unternehmen. Sie erhalten den Beweis, dass Sie in ihnen keine Arbeitskräfte 2. Klasse sehen, sondern mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren und auf ihr Wissen und Engagement zählen. Zusätzlich wird das Gefühl vermittelt, bei Ihnen in einem zukunftsorientierten Betrieb auch in Zukunft gut aufgehoben zu sein.

 

Beispiel

Die Großbäckerei in Ihrer Stadt hat bereits das mobile Bezahlen per Handy-App ermöglicht. Doch ist das wirklich eine Option für Ihren mittelständischen Betrieb? Bevor es in die kaufmännische Betrachtung und später in die mögliche Beauftragung externer Partner geht, steht immer die Plausibilitätskontrolle: Wer nutzt die App? Wie wird diese angewendet? Welche Probleme gibt es? Worauf ist zu achten?

Nutzt Ihr Azubi bereits diese Bezahl-App, haben Sie den besten Coach für dieses Projekt an Bord. Doch Achtung, es geht nicht allein um eine Einschätzung, die der Azubi Ihnen an dieser Stelle geben kann, sondern auch darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, worauf die nachfolgende Generation Wert legt und nach welchen Kriterien sie Digitalangebote beurteilt.

 

Was Sie mit Reverse Mentoring erreichen

  1. Sie motivieren Ihre Azubis, fördern deren Kommunikationsfähigkeit, verbessern ihre Projektarbeit und ermöglichen ihnen, sich mit ihrem ausbildungsübergreifenden Engagement im gesamten Unternehmen – und so auch bei der Geschäftsführung – zu empfehlen.
  2. Auch Sie als Ausbilder profitieren: Unabhängig davon, ob Sie sich von Ihrem Azubi coachen lassen oder diesen im Unternehmen als Coach vermitteln: Sie zeigen damit der Geschäftsführung, dass Sie abteilungsübergreifend denken und handeln und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ständig im Blick haben.
  3. Im Bereich des Recruitings können Sie gleich mehrfach punkten, wenn Sie das Reverse Mentoring einsetzen. Zum einen ist es eine Erfolg versprechende Möglichkeit, sich neue Recruitingideen zu sichern, zum anderen können – und sollten Sie unbedingt – den Einsatz des Reverse Mentorings im Rahmen Ihres Employer Brandings einsetzen.

Mein Tipp

In keiner Stellenanzeige und auf keiner Bewerbungs- oder „Über uns“-Seite auf Ihrer Firmenwebsite sollte der Einsatz des Mentoringtools verschwiegen werden. Eine bessere Eigenwerbung und Profilierung als zukunftsfähiges, dynamisches Unternehmen kann es kaum geben.

  1. Sie erhöhen die Aufgeschlossenheit im Unternehmen für Zukunftsthemen und profilieren sich gleichzeitig auch vor Ihren Vorgesetzten. Außerdem nehmen Sie damit erfahrenen Kollegen vorhandene Ängste, sich dem schwer zu fassenden Themenkomplex der Digitalisierung zu öffnen. Auch, weil es vielen Kollegen leichter fällt, einem Azubi Fragen zu stellen, die er sich möglicherweise vor großer Runde im Rahmen einer klassischen Weiterbildungsveranstaltung nicht zu stellen getraut hätte. Gerade im Bereich der Digitalisierung ist diese Zurückhaltung von großer Bedeutung und hemmt in vielen Bereichen die notwendige dynamische Weiterentwicklung.

Diese Voraussetzungen müssen Sie, das Projekt und Ihr Azubi erfüllen

  • Es darf keine direkte Konkurrenz zwischen dem Mentor (also dem Azubi) und dem Mentee (also dem gecoachten Mitarbeiter) bestehen.
  • Das Projekt muss auf Freiwilligkeit, Vertrauen und Respekt beruhen.
  • Beide Seiten müssen offen und ehrlich miteinander kommunizieren.
  • Der Azubi und sein Mentee müssen in der Lage sein, den Alters- und Hierarchieunterschied für dieses Projekt zu überwinden und das bestehende Rollenverhalten abzulegen.

1. Schritt: Führen Sie eine betriebs- bzw. abteilungsindividuelle Bedarfsanalyse durch

So spannend und kreativ Reverse-Mentoring-Projekte auch aufgesetzt werden können – natürlich eignen sich nicht alle offenen oder anstehenden Projekte für diese Art der Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung. Am offensichtlichsten sind natürlich die vorhandenen Projekte im Bereich der Digitalisierung und der Mediennutzung. Doch auch wenn z.B. für Ihr Unternehmen auf den ersten Blick keine digitalen Projekte in Sicht sind, bringen Sie mit dem Coaching neue Impulse und fordern und fördern Ihren Azubi in seiner Entwicklung. Möglichkeiten gibt es massenhaft.

Beispiele:

  • neue Recruiting-Methoden
  • Software- oder App-Einsatz oder -Nutzung
  • Einsatz und Nutzung von Social-Media-Kanälen, z.B. Twitter oder Snapchat
  • neue Möglichkeiten im Online-Vertrieb

2. Schritt: Finden Sie den geeigneten Mentoring-Azubi

Nicht alle Azubis eignen sich als Mentor. Nutzen Sie das folgende Punkteschema, um den geeigneten Kandidaten zu finden. Vergeben Sie für jede als Mentor infrage kommende Person Punkte und summieren Sie diese am Ende. Punkte: von 10 = sehr gut bis 0 = überhaupt nicht.

3. Schritt: Setzen Sie Ihr Reverse-Mentoring-Projekt um

Kommunizieren Sie zunächst das festgelegte Ziel noch einmal klar an die Projektteilnehmer (also Mentor und Mentee). Legen Sie anhand des gesteckten Ziels den Zeitrahmen fest. Wie oft sollen sich Mentor und Mentee treffen und in welchem Rahmen?

Hier kommt es insbesondere auf die Organisation Ihres Unternehmens an. Haben Sie z.B. einen fixen Termin für den innerbetrieblichen Unterricht, könnten Sie an diesem Termin das Coaching ansetzen. Je nach Themenbereich könnte sich jedoch auch die Festlegung eines Workshops (z.B. halbtägig) anbieten.

Mein Tipp: Bedenken Sie bei Ihren Planungen, dass beide Seiten auch eine gewisse Zeit benötigen, um sich an den Rollenwechsel zu gewöhnen. Mentor und Mentee sollten zunächst die notwendige Vertrauensbasis schaffen, etwa durch gemeinsame längere Mentoring-Einheiten. Erst danach sollte der Termin auf den des innerbetrieblichen Unterrichts gelegt werden.

 

Beide Parteien tauschen sich in regelmäßigen Abständen über den Projektfortschritt aus und legen fest, ob das Coaching für beide Seiten weitere Vorteile bringt oder ob das Coaching eine andere Richtung nehmen sollte. Oft ist es sinnvoll, Zwischenziele vorab festzulegen, was bis wann erreicht sein soll? So hat der Azubi auch schon eine gute Gliederung für sein Mentoring

Autor: Günter Stein

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