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Recht
19.06.2018

Gerichtsurteil: Vorsicht beim Formulieren von Ausbildungszeugnissen!

Beim Formulieren von Ausbildungszeugnissen sollten Sie unbedingt ein neues Gerichtsurteil beachten. Dessen Kernaussage: Ironie gehört nicht in ein Ausbildungszeugnis. Jeder Ihrer Auszubildenden hat zum Ende der Ausbildung das Recht darauf, ein Ausbildungszeugnis von Ihnen zu erhalten. Wenn er es wünscht, müssen Sie dieses Zeugnis  auch  mit  einer  Leistungs-  und  Verhaltensbeurteilung  versehen  (qualifiziertes  Zeugnis). Darüber hinaus ist zu beachten, dass das Recht auf ein Ausbildungszeugnis auch  dann besteht, wenn die Ausbildung vorzeitig beendet worden ist. Für den Fall, dass  ein  Azubi  die  Prüfung  nicht  besteht  und diese nicht wiederholen will, müssen Sie ebenfalls ein Zeugnis formulieren und aushändigen.

In einem aktuellen Gerichtsurteil ging es um den Inhalt eines qualifizierten Arbeitszeugnisses (vergleichbar mit dem qualifizierten Ausbildungszeugnis). Das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm machte darin deutlich, dass offensichtliche Ironie in einem  Arbeits-  oder  Ausbildungszeugnis unangebracht  ist  (12  Ta  475/16  vom  14.11.2016). Der  betroffene Arbeitnehmer hatte  die  eine oder andere Formulierung als ironisch aufgefasst und ging vor Gericht gegen das Zeugnis vor – letztendlich erfolgreich.

Wohlwollende Formulierung wird verlangt

Das war passiert: Zum Ende des Beschäftigungsverhältnisses kam es zwischen einem  Arbeitnehmer und dessen Arbeitgeber zu einem Rechtsstreit. Es ging um Vergütungsansprüche und das  Arbeitszeugnis. In einem Vergleich wurde festgelegt, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer ein wohlwollendes, qualifiziertes Zeugnis ausstellen müsse. Die Rechtsstreitigkeiten fanden darin ihre Fortsetzung, dass der Arbeitnehmer sein Zeugnis nicht als wohlwollend interpretierte. Einige Passagen darin seien ironisch gemeint, argumentierte er.

Eine solche Vereinbarung per Gerichtsvergleich ist auch im Rahmen von Ausbildungsverhältnissen denkbar. Darüber hinaus gilt grundsätzlich die Devise, dass das Zeugnis nicht zum Nachteil des Auszubildenden formuliert sein darf. Damit muss nahezu jedes qualifizierte Ausbildungszeugnis wohlwollende Passagen enthalten.

 

Vorsicht bei den Formulierungen

Das Landesarbeitsgericht bestätigte die Auffassung des Arbeitnehmers, dass an der einen oder anderen Stelle Formulierungen so überzogen waren, dass sie augenscheinlich ironisch gemeint seien. Beispielsweise war im Zeugnis zu lesen: „Wenn es eine bessere Note als ‚sehr  gut‘  geben würde, würden wir ihn damit beurteilen.“ Darüber hinaus wurden auffällig oft Wörter wie „extrem, selbstverständlich, äußerst, zu jeder Zeit“ verwendet. Letztlich wurde dem Arbeitnehmer in der Schlussformulierung für die Zukunft keinesfalls alles Gute gewünscht und/oder sein Gehen bedauert. Im Zeugnis stand lediglich, dass das „Verlassen des Unternehmens zur Kenntnis genommen wird“.

Diese Schlussformulierung – so stand es auch für das Gericht fest – entwertet die positiven Formulierungen zuvor und entlarvt diese als ironisch. Wäre der Arbeitnehmer so gut gewesen, wie es die Formulierungen vermuten lassen, dann hätte man sein Ausscheiden bedauert. Das gesamte Zeugnis sei daher nicht mehr ernst zu nehmen, so das Gericht.

Vorgaben der Gewerbeordnung sind eindeutig

In der Gewerbeordnung sind in § 109 die Anforderungen an Arbeitszeugnisse festgelegt. Dort steht in Abs. 2 sinngemäß: Das  Zeugnis  muss klar und verständlich  formuliert  sein. Es darf keine  Formulierungen enthalten, die vermuten lassen, dass andere Aussagen als die des Wortlauts angenommen werden können.

Auf der Basis dieses Gesetzestextes scheidet Ironie als Stilmittel –  und erst recht als Mittel der beabsichtigten Irreführung – aus.

Als Ausbildungsverantwortlicher lernen Sie aus  dem Urteil:

  1. Bei Ausbildungsverhältnissen nehmen Sie Ihre Zeugnispflicht mindestens genauso ernst wie bei einem ausscheidenden Mitarbeiter. Denken Sie daran, dass der Azubi sich ein Leben lang mit diesem Zeugnis bewerben wird. Als Mittel der persönlichen Abrechnung – wie im Fall oben – darf ein Ausbildungszeugnis niemals missbraucht werden.
  2. Auch für Ausbildungszeugnisse gilt, dass ihre Formulierung klar und verständlich sein muss. Doppeldeutigkeit sollte daher vermieden werden. Ironie hat im Ausbildungszeugnis also nichts zu suchen.
  3. Die Formulierungen sollten wohlwollend und gleichzeitig wahr sein. Das ist oft ein Drahtseilakt. Aus diesem Grund hat sich in Deutschland eine Zeugnissprache etabliert, deren Sie sich unbedingt auch in Ausbildungszeugnissen bedienen sollten. Bei der zentralen Leistungsbeurteilung formulieren Sie – je nach Note, die Sie vergeben wollen – wie in der folgenden Übersicht dargestellt:

 

Note

Formulierung

1 … lernte und arbeitete stets zu unserer vollsten Zufriedenheit …
2 … lernte und arbeitete zu unserer vollsten Zufriedenheit …
(oder auch: stets zu unserer vollen …)
3 … lernte und arbeitete stets zu unserer Zufriedenheit …
4 … lernte und arbeitete zu unserer Zufriedenheit …
5 … lernte und arbeitete im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit …

 

Die Ausstellung eines Ausbildungszeugnisses ist nur eine Ihrer Pflichten als Ausbilder. Lesen Sie hier, welche weiteren Pflichten für Sie als Ausbilder dazu gehören.

Autor: Martin Glania

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