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Motivation
07.08.2018

Bewusst motivieren – statt unbewusst zu kritisieren

Der gerade veröffentlichte „Barmer-Arztreport 2018“ sorgt bei allen, die mit jungen Leuten arbeiten, sie fördern und auf ihr weiteres Leben vorbereiten wollen, für Bestürzung: 25 % (!) der 18- bis 25-Jährigen leiden unter einer psychischen Störung. Ursache: steigender Zeit- und Leistungsdruck. Dies kann Ihren Betrieb gefährden, wenn Sie als Ausbilder nicht reagieren.

Was Ihrem Betrieb durch diesen Anstieg jetzt droht

  • Eine Erkrankung während der Ausbildung kann schlimmstenfalls zu vermehrten Fehltagen führen und die Planungen in den Fachabteilungen so erschweren.
  • Ob in der Berufsschule oder im Betrieb: Erkranken Ihre Azubis, müssen Sie mit nachlassenden Leistungen und schlechteren Abschlüssen rechnen.
  • Sie investieren viel Zeit und Arbeit in die Ausbildung Ihrer jungen Fachkräfte, können davon jedoch ggf. nicht profitieren, wenn die ausgelernte Fachkraft später im Betrieb nicht 100%ig einsatzbereit ist.

Wie Sie handeln können, um diese Gefahren zu verringern

Falsch – und auch nicht möglich – ist es ganz sicher, den Zeit- und Leistungsdruck vollends von Ihren Azubis zu nehmen. Schließlich hat Ihr Azubi seine Pflichten – sowohl in der Berufsschule als auch im betrieblichen Alltag – zu erfüllen. Ganz ohne Druck wird es nicht gehen.

Und zu Ihren Aufgaben als Fachausbilder gehört es eben auch, Ihrem Azubi den Arbeitsalltag zu vermitteln – und diesen wird Ihr Azubi auch nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung nur meistern, wenn er einem bestimmten Maß an Zeit- und Leistungsdruck standhält.

Gleiche Aussage – andere Formulierung: nachhaltige Erfolge

Oft ist es gar nicht der Arbeitsanfall an sich, durch den sich die Azubis unter Druck gesetzt fühlen, sondern die Art und Weise, wie ihnen die Aufgaben, die Arbeitsweise und ganz besonders Kritik vermittelt werden. Oft kritisieren und demotivieren wir die verunsicherten Auszubildenden unbewusst, anstatt sie bewusst zu ermutigen, besser zu werden.

Dabei liegen zwischen beiden Extremen oft nur wenige Worte, die aus einer schweren Last (wie es der Azubi empfindet) einen echten Motivationsschub machen.

Beispiel:

Eigentlich sind Sie mit der Arbeit Ihres Tischler-Azubis Kevin recht zufrieden. Seine handwerkliche Arbeit ist in Ordnung, er ist pünktlich und die Kollegen kommen im Großen und Ganzen auch gut mit ihm zurecht. Doch wenn es um die Arbeit mit der Materialsoftware geht, bringt er regelmäßig Ihr komplettes Bestellwesen durcheinander. Ihre Geduld ist langsam am Ende. Das merkt Kevin auch und fühlt sich zunehmend verunsichert.

Die Folge: Auch wenn Sie eigentlich nur mit einer Anforderung (hier: „Sicherer Umgang mit der Materialsoftware“), die Sie an Ihren Azubi stellen, unzufrieden sind, müssen Sie ihn fast bei jedem Auftrag kritisieren. Denn fast immer stimmt irgendeine Angabe im System nicht. Kevin wird immer unsicherer und es verfestigt sich sein Eindruck, der Ausbildung nicht gewachsen zu sein. In der Folge fühlt er sich extrem unter Druck gesetzt.

Nur ein Beispiel von vielen, wie unterschiedlich Azubi und Ausbilder Kritik interpretieren. Und wo sich Druck aufbauen kann, der nicht zwingend sein muss. Wichtig ist, dass Ihr Azubi Kritik nicht als Generalangriff sieht, sondern als konstruktive Kritik mit dem Ziel, seine Ausbildung optimal voranzubringen.

Mein Tipp: Aufgrund Ihres engen Terminplans ist es wichtig, dass Sie im stressigen Arbeits- und Ausbildungsalltag auf durchdachte Formulierungen zurückzugreifen können, wenn Sie Ihren Azubi kritisieren (müssen). Das hat den großen Vorteil, dass die Botschaft auch so bei Ihrem Azubi ankommt, wie Sie es wünschen, und nicht durch missverständliche Formulierungen als Generalkritik verstanden wird.

 

Es mag sich zwar etwas gestelzt anhören, doch Sie werden mit der Zeit merken, dass genau solche antrainierten Automatismen für viel weniger Druck bei Ihren Azubis sorgen. Sie verhindern vielmehr, dass Ihre Kritik als Angriff gewertet wird.

Ihre 3 goldenen Kritikregeln

  1. Formulieren Sie Ihren Kritikpunkt so genau wie möglich

Um beim Beispiel von Kevin zu bleiben:

  • Stärken Sie Ihrem Azubi zunächst den Rücken. Loben Sie ihn für den erfolgreichen Abschluss des Auftrags. Machen Sie klar, dass Sie mit seiner Arbeit grundsätzlich zufrieden sind.
  • Formulieren Sie Ihre Kritik dann gezielt und vermeiden Sie Verallgemeinerungen. Formulierungsbeispiel: „Toll, dass Sie den Auftrag ,Ausbesserung Rückseite Kleiderschrank‘ so erfolgreich und zügig abgeschlossen haben. Genau so hat es sich der Kunde gewünscht. Vielen Dank. Lassen Sie uns im nächsten Schritt noch einmal einen Blick auf das Lagersystem werfen. Hier sehe ich (weiterhin) noch Optimierungsbedarf.“
  1. Machen Sie deutlich, dass es um die Sache und nicht um die Person des Azubis geht

Nehmen Sie klar Ihre Perspektive als Ausbilder ein.

Mein Tipp:

Verfallen Sie doch ungewollt und unbewusst in ein „Sie haben schon wieder die Änderung in der Materialliste nicht gespeichert“ oder „Sie verursachen immer Chaos in der Datenbank“, versuchen Sie, Ihre Kritik standardisiert mit „Für mich als (Ihr) Ausbilder ….“, „Ich als Ihr Ausbilder …“, „Mir als Ihrem Ausbilder …“ zu starten.

  • „Mir als Ihrem Ausbilder ist aufgefallen, dass die neuen Materialbestände noch nicht in der Liste gespeichert sind. Bitte denken Sie zukünftig dran, weil …“
  • „Ich habe mir als Ihr Ausbilder noch einmal Gedanken über mögliche Optimierungen in der Datenbankpflege gemacht. So gehören die Entnahmen …“

 

  1. Vermitteln Sie Empathie für die Situation Ihres Schützlings

Merken Sie, dass Ihr Azubi unter der Kritik leidet, ggf. auch, weil ihm immer wieder die gleichen Arbeitsschritte oder ähnliche Aufgabenstellungen Probleme bereiten, überlegen Sie sich, in welchen Situationen Ihnen das auch schon einmal so gegangen ist – ob im Rahmen Ihrer Ausbildung, Ihres aktuellen Arbeitsalltags oder auch im privaten Bereich ist dabei ganz unerheblich. Denn es geht darum, Nähe zu Ihrem Azubi aufzubauen, um ihn oder sie für Ihre Kritik aufnahmebereit zu halten. Wenn Sie Ihrem Azubi berichten wie es Ihnen ergangen ist, dann können Sie eine solche Nähe schaffen. Gelingt Ihnen das nicht, kann sich beim Azubi sonst das Gefühl einstellen, Sie würden regelrecht nach Fehlern suchen, um ihn damit unter Druck zu setzen.

Formulierungsbeispiel: „Ich kenne das Gefühl gut, dass manche Maschinen ein Eigenleben entwickeln und immer genau das Gegenteil von dem tun, was man eigentlich von ihnen verlangt. Mir persönlich geht das aktuell mit unserer Kaffeemaschine zu Hause so. Ich bin derzeit froh, wenn irgendein Getränk in die Tasse läuft – und werde mir die Gebrauchsanleitung wohl noch das eine oder andere Mal durchlesen müssen.“

So lieber nicht

So geht’s richtig

Warum Sie so zum Ziel kommen

„Meiner Meinung nach müssen Sie die Datenbank noch viel besser durchschauen …“ „Am besten werden Sie mit der Datenbank arbeiten können, wenn Sie sich …“ Stellen Sie Ihre persönliche Meinung hinten an und formulieren Sie den Nutzen für den Azubi.
„Ja, … aber …“ „Ich gebe Ihnen recht, das System ist nicht leicht zu durchschauen, und ich finde, wir müssen uns die Zeit nehmen, es komplett zu ergründen.“

„Ein wichtiger Einwand. Man muss jedoch berücksichtigen, dass alle Systeme so ihre Tücken haben.“

„Sie haben den Knackpunkt des Systems bereits erkannt. Dennoch bleibt zu bedenken, dass wir darauf angewiesen sind, optimal damit zu arbeiten“

Widerspruch ist natürlich erlaubt, wenn sich Ihr Azubi rechtfertigt. Achten Sie jedoch darauf, wie Sie Ihren Widerspruch einleiten, um für offene Ohren zu sorgen.
„Warum haben Sie die Arbeit nicht zeitgerecht erledigt?“ „Was können wir ändern, damit auch dieser Arbeitsschritt künftig zeitgerecht erledigt wird?“ Seien Sie konstruktiv in all Ihren Formulierungen. Der Blick geht nach vorn, nicht zurück!
„Dauernd haben Sie Probleme mit der Datenbank …“

„Nie …“

„Ich erinnere mich, dass Sie mit der Datenbank auch beim Auftrag ,Wäschetruhe‘ so Ihre Probleme hatten…“ Konkretisieren Sie! Nennen Sie konkrete Beispiele.
„Da haben Sie einen Fehler gemacht.“ „Bei genauer Durchsicht ist mir aufgefallen, dass die Änderungen in der Datenbank noch nicht gespeichert waren. Hier fände ich es besser, wenn …“ Ihr Azubi weiß auch so, dass er einen Fehler gemacht hat – Sie brauchen es nicht explizit ausformulieren.

 

Mein Fazit für Sie

Viele Azubis leiden unter einem erhöhten Empfinden von Zeit- und Leistungsdruck und erkranken sogar immer häufiger ernsthaft, weil sie sich überfordert fühlen. Mit ein wenig Feingefühl und dem Formulierungsbaukasten nehmen Sie ihnen viel vom Druck, ohne Kritik einfach unter den Tisch fallen zu lassen, um ja keine Probleme zu provozieren. Vergessen Sie dabei auch nicht alte Weisheit, dass der Ton die Musik macht.

 

Autor: Günter Stein

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