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Motivation
10.07.2018

Erste Signale ernst nehmen – Ausbildungsabbruch verhindern

Der Berufsbildungsbericht 2018 hat – wie schon erwartet – negative Zahlen belegt: Jedes 4. Ausbildungsverhältnis wird vorzeitig gelöst. Die Initiative für einen Abbruch der Ausbildung geht dabei verhältnismäßig oft vom Auszubildenden selbst aus. Solche Vertragsauflösungen schaden jedoch vor allem den Ausbildungsunternehmen – und sind allzu oft vermeidbar.

Nach den aktuellen Zahlen des Berufsbildungsberichts 2018 waren es im Jahr 2016 insgesamt 25,8 % aller Ausbildungsverträge, die vorzeitig gelöst wurden. In Industrie und Handel betraf das 22,7 % der Unternehmen, im Handwerk 33,9 %. Weit unterdurchschnittlich ist die Abbruchquote mit gerade einmal 6,7 % im öffentlichen Dienst. In der Landwirtschaft, in den freien Berufen und in der Hauswirtschaft liegt die Quote zwischen 25 und 30 %.

Bemerkenswert ist vor allem, dass eine Abhängigkeit der Abbruchquote von den Kräfteverhältnissen auf dem Ausbildungsmarkt besteht: Stellt sich der Markt für Ausbildungsbetriebe günstig dar und ist es leicht, die Ausbildungsstellen zu besetzen, dann tendiert die Quote eher in Richtung 20 %. Hat der Auszubildende hingegen eine Machtposition inne und tun sich Betriebe schwer, freie Ausbildungsplätze zu besetzen, liegt sie eher bei 25 %. Offenbar neigen Auszubildende also eher dazu, ihren Ausbildungsvertrag zu lösen, wenn sie andere Optionen haben.

Die Zahlen machen deutlich, dass es sich bei der Abbruchproblematik – abgesehen vom öffentlichen Dienst – um ein gravierendes Problem handelt. Damit stellt sich die Frage, wie sich die Quote insgesamt, vor allem aber in einem einzelnen Ausbildungsunternehmen wie dem Ihren senken lässt.

Abbruch der Ausbildung: So groß ist die Gefahr regional

Regional betrachtet, ist die Gefahr eines Abbruchs nicht überall gleich groß. So kommt es in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bei mehr als jedem 3. Auszubildenden zu einem vorzeitigen Ausbildungsende. In Süddeutschland ist die Quote mit etwa 22 % hingegen besonders niedrig, wie die folgende Übersicht zeigt:

Abbruchquote nach Bundesländern Bundesland

Bundesland Abbruchquote
Baden-Württemberg 22,1 %
Bayern 22,3 %
Berlin 34,1 %
Brandenburg 31,9 %
Bremen 27,3 %
Hamburg 29,7 %
Hessen 24,6 %
Mecklenburg-Vorpommern 34,1 %
Niedersachsen 27,3 %
Nordrhein-Westfalen 24,6 %
Rheinland-Pfalz 28,4 %
Saarland 28,8 %
Sachsen 28,3 %
Sachsen-Anhalt 34,4 %
Schleswig-Holstein 29,3 %
Thüringen 30,6 %
Deutschland insgesamt 25,8 %

Quelle: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2018 (Bezugsjahr 2016).

Im Vergleich zum Vorjahr 2015 ist die Abbruchquote um knapp 1 Prozentpunkt angestiegen. Das entspricht einer Tendenz, die sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher abzeichnete.

Ausbildungsabbrüche: Das sind die wichtigsten Gründe

Die Gründe dafür, dass ein Auszubildender seine Ausbildung abbricht, sind vielfältig. Eine große Bedeutung spielt beim Abbruch innerhalb des 1. Ausbildungsjahres die Tatsache, dass der Azubi unrealistische Vorstellungen von seinem Beruf hatte. Insgesamt 66 % der Ausbildungsabbrüche fallen in die ersten 12 Ausbildungsmonate, davon knapp 33 % in die Probezeit. Hieran wird deutlich, dass der Praxisschock und eine falsche Einstellung zum Beruf oder zum Ausbildungsbetrieb eine erhebliche Rolle spielen.

Es gibt aber auch andere Gründe, die in der Person des Auszubildenden liegen. Hierzu zählen:

  • fehlende Ausbildungsreife
  • mangelnde körperliche, geistige oder psychische Eignung
  • schlechte Einstellung zu Ausbildung und Arbeit
  • Angst vor Prüfungen, Klassenarbeiten und Beurteilungen

Auch manche Ausbildungsbetriebe tragen dazu bei, dass die Unzufriedenheit von Auszubildenden wächst und es zu einem Ausbildungsabbruch kommt. Gründe hierfür sind:

  • Mängel in der Ausbildungsqualität und beim Ausbildungspersonal
  • Abverlangen ausbildungsfremder Tätigkeiten
  • unregelmäßige Zahlung der Ausbildungsvergütung
  • zu viele Überstunden (möglicherweise sogar unbezahlt)
  • Nichteinhaltung der gesetzlichen Bestimmungen, beispielsweise bei Jugendlichen unter 18 (Jugendarbeitsschutzgesetz)

Das Vorstellungsgespräch: Wenn Sie diese Signale erkennen, sollten Sie handeln

Bereits das Auswahlverfahren bietet Chancen, spätere Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Lesen Sie die Bewerbungsunterlagen daher besonders aufmerksam, nehmen Sie fachliche Indizien in Tests und Assessment-Centern ernst und stellen Sie im Vorstellungsgespräch die richtigen Fragen.

Bewerbungsunterlagen – darauf sollten Sie achten

Schulzeugnisse sind nicht unwichtig, werden aber überschätzt. Natürlich sollten die Noten in für den Beruf wichtigen Fächern nicht mangelhaft sein. Aber es muss nicht immer „sehr gut“ oder ein „gut“ hinter den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch stehen. Auch „befriedigend“ kann völlig ausreichen. Was allerdings wichtig ist: Der Bewerber sollte seinen Job als Schüler ernst genommen haben. Schauen Sie daher auf folgende Indizien in den Bewerbungsunterlagen:

  • Hat die Schule dem Bewerber für ein Projekt oder sonstige Leistungen eine Urkunde oder ein Zertifikat ausgestellt, aus dem Sie Schlüsse ziehen können?
  • Gibt es Anmerkungen, zum Beispiel in den Zeugnissen (unterhalb der Noten), die auf ein besonders gutes oder besonders schlechtes Sozialverhalten hindeuten?
  • Weisen die Schulzeugnisse unentschuldigte Fehltage aus? Ist das im Übermaß der Fall, sollten Sie im Vorstellungsgespräch nachfragen. Schließlich erwarten Sie, dass vor Problemen nicht weggelaufen wird.
  • Ist der Bewerber in Vereinen und Institutionen (Sport, Kirche, Musik, Feuerwehr usw.) aktiv?
  • Gibt es Indizien dafür, dass er ein bestimmtes Hobby jahrelang betrieben hat? Das deutet auf ein gutes Durchhaltevermögen hin.

Fragen Sie ohne Hemmungen

Und natürlich fragen Sie jeden Bewerber nach seiner Motivation für gerade diesen Beruf. Wer sich als Kaufmann für Büromanagement bewirbt, der wird die meiste Zeit am Schreibtisch sitzen. Ist das dem Bewerber klar? Wer Einzelhandelskaufmann werden möchte, der muss gut und gerne kommunizieren können und sich im Verkauf wohlfühlen. Fragen Sie im Hinblick auf Ihre Ausbildungsberufe, wie sich ein Bewerber den Ausbildungsalltag und/oder den Alltag nach der Ausbildung vorstellt. Aus der Antwort können Sie jede Menge ableiten.

Beachten Sie: Scheuen Sie sich nicht, bei aus Ihrer Sicht negativen Antworten auch Bewerber mit starken Zeugnissen auszusortieren. Denken Sie daran: Unterforderung und falsche Vorstellungen vom Beruf sind bedeutende Abbruchgründe.

Missstand frühzeitig erkennen – Ausbildungsabbruch verhindern

Indizien für einen drohenden Ausbildungsabbruch zeigen sich häufig in den ersten Wochen und Monaten der Ausbildung. Aber auch im 2. und 3. Ausbildungsjahr kann es zu einer Krise kommen, die sich allerdings mehr oder weniger deutlich ankündigt. Um einen Ausbildungsabbruch zu verhindern, müssen Sie schnell reagieren.

Schlechte Laune und Aggressivität

Fällt Ihnen auf, dass ein eigentlich friedfertiger und gelassener Auszubildender plötzlich launisch oder aggressiv wird, dann ist das ein sehr starkes Indiz für generelle Unzufriedenheit.

Ihre Maßnahmen: Führen Sie mit ihm ein Gespräch unter 4 Augen und fragen Sie nach den Gründen für die Verhaltensänderung. Ziehen Sie in Erwägung, dass auch ausbildungsorganisatorische Maßnahmen (etwa eine Umstellung des individuellen Ausbildungsplans) zu einer Verbesserung der Situation führen können. Ist es bereits zu aggressivem Verhalten gekommen, müssen Sie natürlich ausdrücklich auf die Grenzüberschreitung hinweisen und diese gegebenenfalls sanktionieren.

Schwächer werdende Noten in der Berufsschule

Ihr Azubi war einst ein guter Berufsschüler, was sich aber ins Gegenteil verkehrt hat. Offensichtlich hat er Probleme mit der Fachtheorie bzw. mit seiner Motivation. Oder beides bedingt sich gegenseitig.

Ihre Maßnahmen: Haben Sie den Eindruck, dass es fachliche Probleme gibt? Dann bieten Sie dem Azubi zusätzlichen Unterricht an. Dieser Unterricht kann betriebsintern erfolgen, beispielsweise mit der Unterstützung von ehemaligen Auszubildenden. Oder Sie greifen auf ausbildungsbegleitende Hilfen der Arbeitsagentur zurück. Bei Motivationsproblemen sind vor allem vertrauensvolle Gespräche wichtig. Zeigen Sie – ggf. nach Rücksprache mit der Berufsschule – Perspektiven auf, wann wieder Themen behandelt werden, bei denen der Auszubildende seine Stärken zeigen kann.

Unpünktlichkeit, Müdigkeit und Leistungsabfall

Lassen die Leistungen im Betrieb nach, weil der Azubi übermüdet ist, und häufen sich morgendliche Verspätungen, dann hat er offenbar andere (außerberufliche) Probleme. Diese können sehr vielfältig sein.

Ihre Maßnahmen: Bieten Sie ihm ein Gespräch unter 4 Augen an. Zudem haben Sie die Möglichkeit, mit seinen Berufsschullehrern oder mit seinen Eltern (bei volljährigem Azubi nur mit seiner Einwilligung) über die Probleme zu sprechen. Kommt er morgens öfters zu spät, weil die Verkehrsverbindungen schlecht sind, organisieren Sie eine Mitfahrgelegenheit. Auch bei finanziellen Problemen gibt es Lösungsmöglichkeiten, beispielsweise die Beantragung von Berufsausbildungsbeihilfe, die Unterstützung bei Nebenjobs (aber Vorsicht: Diese können auch der Grund für Übermüdung sein) und – falls nicht bereits genutzt – die Beantragung von Kindergeld.

Um Abbrüche noch weit vor der Ausbildung zu verhindern, helfen oftmals auch Praktika. Lesen Sie hier, warum diese ein echter Gewinn für das Unternehmen sein können.

Autor: Martin Glania

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