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30.04.2019

Aktuelles Beispiel zeigt: Mobbing ist kein Konflikt

Konflikte sind lehrreich, erfordern Ihr moderates Handeln als Ausbilder und ein angemessenes Verhalten von den Beteiligten. All das gilt allerdings nicht, wenn es keinen Konflikt im eigentlichen Sinne gibt, sondern wenn ein handfester Fall von Mobbing unter Auszubildenden vorliegt.

Dann sind Sie als Ausbilder in ganz anderer Weise gefordert: Hier geht es nicht darum, moderate Lösungen zu finden, die Sache möglichst rasch zu lösen oder einen Kompromiss vorzuschlagen. Hier geht es darum, das Opfer zu schützen, den Täter zu bestrafen und die Folgen des Mobbings aufzufangen.

Ein aktueller Fall aus Niedersachsen hat durch ein Gerichtsurteil des Arbeitsgerichts Braunschweig (6 Ca 272/18 vom 19.2.2019) Aufsehen erregt. Anhand dieses Falls wird gut deutlich, dass sich Mobbing erheblich von betrieblichen Konflikten unterscheidet, wie sie in jedem Unternehmen vorkommen. Und der Fall zeigt, dass die Maßnahmen, die bei Mobbing getroffen werden sollten, völlig anders sind.

Auszubildender herabgewürdigt immer wieder Azubi

Mobbing zeigt sich im Vergleich zu moderaten Konflikten vor allem darin, dass persönliche, herabwürdigende und fortwährende Angriffe gegen eine Person erfolgen. Ein solch erschrecken-der Vorfall hatte sich in einem größeren Industrieunternehmen in Niedersachsen ereignet. Ein Auszubildender hatte offenbar gezielt eine Auszubildende zum Opfer seiner Angriffe gemacht. Beispielsweise war Folgendes geschehen:

  • Er bezeichnete sie als „fette Kuh“ und fertigte Fotomontagen in Kombination mit Bildern von „Miss Piggy“ an.
  • Als die Auszubildende erkältet war, entwendete er ihr das Erkältungsspray und kippte es weg.
  • Als die Auszubildende mit Schläuchen hantierte, machte er eine sexistische Bemerkung, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte.
  • Der Azubi trat provozierend gegen ihren Stuhl und drohte der Auszubildenden Gewalt an. Zudem warf er ihren Werksausweis an die Wand.
  • Der Auszubildende beleidigte seine Azubi-Kollegin und deren Aussehen mit Worten aus der Sexual- und Fäkalsprache.
  • Es kam mehrfach zu sexueller Belästigung verbaler und körperlicher Art.

Das besonders Erschreckende an diesem Fall war, dass andere Auszubildende diese Verhaltensweisen mitbekamen, aber nicht angemessen reagierten (besprechen Sie das mal mit Ihren Auszubildenden!). Erst als ein für die Ausbildung zuständiger Mitarbeiter das Personalwesen darüber informierte, dass diese Auszubildende seit Längerem bedroht und sexuell belästigt worden war, ist man aktiv geworden aktiv und kündigte dem Mobber.

Der beschuldigte Auszubildende ging zwar gegen die Kündigung vor, blieb damit aber erfolglos. Obwohl er sich bereits im letzten Ausbildungsjahr befand, was die Hürden für eine Kündigung be-sonders hoch legt, wurde er fristlos entlassen.

In solchen Fällen sind moderate Reaktionen nicht angemessen

Wer in Konflikten moderat reagiert, der ist auf dem richtigen Weg, den Konflikt zu lösen. Kommt es jedoch zu schwerwiegen-den Vorfällen und zu Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter oder Auszubildender, dann ist es nicht mehr angemessen, bloß moderat zu reagieren. Wenn Sie beispielsweise in einem Mobbing-fall, wie er oben beschrieben wird, Sechsaugengesprächen und Kompromissvorschlägen reagieren, kann es sein, dass sich das Mobbingopfer dadurch noch mehr herabgewürdigt fühlt.

Im Falle von Mobbing ist es wichtig, dass Täter und Opfer nicht auf einer Ebene behandelt werden. Das Opfer ist in Zukunft zu schützen (räumliche Trennung vom Täter), und der Täter ist zu bestrafen. Dass eine solche Strafe bis hin zu einer fristlosen Kündigung im letzten Ausbildungsjahr gehen kann, zeigt der Fall aus Niedersachsen.

Eindeutige Beweislage ist unbedingte Voraussetzung

Der oben beschriebene Fall ist eindeutig und im negativen Sin-ne beeindruckend. Hier lag Mobbing vor, und genau das konnte auch nachgewiesen werden. Dem ist aber nicht immer so. Es ist stets ganz genau zu prüfen, ob es sich tatsächlich um einen Fall von Mobbing handelt – und zwar anhand der folgenden Kriterien:

  • wiederholtes Schikanieren
  • fortwährende Anfeindungen
  • Drohungen oder sogar Gewaltanwendung
  • Herabwürdigung der Persönlichkeit

Beachten Sie: Es passiert immer wieder: Der Auszubildende hat behauptet, dass er gemobbt wird, ohne dass das tatsächlich der Fall ist. Das kann eine bewusste Verleumdung sein oder auch mit ihrer Unkenntnis dessen zusammenhängen, was Mobbing überhaupt ist. Schon aus diesem Grund müssen Sie bei jeder Anschuldigung und bei ungelösten Konflikten, die an Mobbing grenzen, die Situation stets anhand der genannten Mobbingkriterien prüfen. Erst dann sollten Sie selbst – beispielsweise vor dem Personalverantwortlichen oder der Geschäftsführung – das Wort Mobbing in den Mund nehmen.

Autor: Martin Glania

 

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