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Recht
20.05.2019

Ab nach New York statt zur Ausbildung – Folgen?

Unentschuldigtes Fehlen während der Ausbildung führt immer wieder zu Ärger. Das gilt vor allem dann, wenn ein Azubi versucht, das unentschuldigte Fehlen zu vertuschen. Postet er während seiner Abwesenheit allerdings ein Foto aus New York, wird die Sache kritisch.

Das Landesarbeitsgericht (LAG) Rheinland-Pfalz musste sich mit einem solchen Fall auseinandersetzen (8 Sa 24/18 vom 20.11.2018). Ein Azubi war mit seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten nahezu fertig, als er – nach seiner eigenen späteren Aussage – einige falsche Entscheidungen traf: Der Auszubildende fehlte am Gründonnerstag des Jahres 2017 und auch nach Ostern für einige Tage – unentschuldigt. Der Grund hierfür war, dass er mit seinen Eltern und seinem Bruder eine Reise nach New York unternahm. Es folgte seine Kündigung – und eine Klage dagegen.

Der Ausbildungsbetrieb warf dem Azubi im Kündigungsschutzprozess neben den unentschuldigten Fehlzeiten vor, dass dieser außerdem versucht habe, die Fehlzeiten mit einer Erkrankung zu entschuldigen. Erst als im Internet ein Foto auftauchte, das ihn offensichtlich in der Stadt New York zeigte, sei er geständig gewesen.

„Ich habe Mist gebaut“ – ehrliches Eingeständnis oder Taktik?

Der Auszubildende behauptete hingegen, sich seines Fehlers sofort bewusst gewesen zu sein. Mit der New-York-Reise habe er eine große Dummheit begangen, die er unmittelbar nach der Reise gegenüber Verantwortlichen des Ausbildungsbetriebs eingeräumt habe. Außerdem habe er um Entschuldigung gebeten.

Was für ihn – aus Sicht des Betriebs – allerdings belastend hinzukam: Bei seinem Versuch, ein klärendes Gespräch zu führen, habe er gegenüber einer Kollegin sehr aufgewühlt und emotional reagiert. Er sei äußerst wütend gewesen und habe anschließend die Tür zugeknallt, sodass die Türklinke beschädigt wurde. Dies behaupteten Vertreter des Ausbildungsbetriebs.

LAG: Kündigung ist nicht gerechtfertigt

Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz stellte sich auf die Seite des Auszubildenden. Formal sei mit der Kündigung zwar alles korrekt gelaufen, letztendlich sei diese jedoch nicht begründet. Zwischen den Vertragsparteien war nämlich vereinbart, dass eine Kündigung zu diesem Zeitpunkt nur aus wichtigem Grund erfolgen konnte – ähnlich wie im Berufsbildungsgesetz (BBiG). Deshalb lautete die zentrale Frage: Lag ein solcher wichtiger Grund tatsächlich vor?

Die Richter des Landesarbeitsgerichts wägten die Interessen des Auszubildenden und des Ausbildungsbetriebs gegeneinander ab. Ähnlich wie der Betrieb sah es das Gericht als wahrscheinlich an, dass der Azubi sein unentschuldigtes Fehlen zunächst vertuschen wollte. Das sprach gegen ihn und stellt grundsätzlich auch einen Grund für eine außerordentliche Kündigung dar.

Interessen sorgfältig abwägen

Trotzdem war die Kündigung nach Ansicht der Richter unverhältnismäßig: Eine Kündigung sei nur möglich, wenn es keinen angemessenen Weg zur Fortsetzung des Vertragsverhältnisses gibt, weil alle mildernden Reaktionsmöglichkeiten nicht zumutbar sind. Neben dem „jugendlichen Alter“ des Auszubildenden (so die Formulierung der Richter, obwohl der Azubi bereits 25 war) lag vor allem in der Waagschale, dass er seine Ausbildung bereits zu mehr als 80 % absolviert hatte. Der Azubi hatte somit ein erhebliches und offensichtliches Interesse, die Ausbildung fortzuführen.

Auf der anderen Seite stellte das Gericht fest, dass das Interesse des Ausbildungsbetriebs an einer sofortigen Beendigung der Ausbildung eher als gering einzustufen war. Das Unternehmen musste den Azubi schließlich nur noch für wenige Monate weiterbeschäftigen.

Was Sie aus dem Gerichtsurteil lernen

Die Bedeutung des Urteils der Mainzer Richter ist für Ausbildungsverhältnisse als sehr hoch einzuschätzen. Schließlich war eine Menge passiert:

  • Es lag der Tatbestand des unentschuldigten Fehlens vor.
  • Es gab offenbar auch den Versuch, das unentschuldigte Fehlen zu vertuschen.
  • Dazu kam der emotionale und bedrohliche Auftritt des Azubis gegenüber einer Kollegin.

Das zusammen reicht normalerweise für eine fristlose Kündigung. In seiner Urteilsbegründung ließ das Gericht daran keinen Zweifel.

Stichwort: Fortschritt der Berufsausbildung

Einmal mehr jedoch kommt auch die zurückgelegte Dauer des Ausbildungsverhältnisses zum Tragen. Wenn kurz vor der Abschlussprüfung gekündigt wird, ist der Schaden für den Auszubildenden als besonders hoch anzusehen. Steht dem kein entsprechend hoher Schaden des Ausbildungsbetriebs gegenüber, der entstehen würde, wenn die Ausbildung weiterliefe, hat ein Ausbildungsbetrieb schlechte Karten.

Fazit: Auch wenn die Faktenlage zunächst eindeutig erscheint – kündigen Sie erst, wenn alle Faktoren abgewägt worden sind. Das betrifft vor allem die zurückgelegte Dauer der Ausbildung. Kommen Sie aufgrund dieser Interessenabwägung ins Zweifeln, ist eine Abmahnung vorzuziehen.

Autor: Martin Glania

 

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